Von Maik Bohne
Hillary Clinton machte am Samstag auf ihrer Abschiedsgala in
Washington alles richtig. Sie unterstützte Barack Obama vorbehaltlos, sie trat
nicht nach, sie forderte ihre Anhänger auf, für den Sieg im November zu
kämpfen. Mit dieser Geste dämpfte sie die Kritik von Teilen der Parteielite,
die sich ein früheres Ausscheiden der Ex-First Lady gewünscht hatten. So endete
ein geschichtsträchtiger, geradezu epischer Vorwahlkampf der Demokraten.
An dieser Stelle wollen wir einen analytischen Blick zurück
wagen auf die Kandidatur und die Kampagne Hillary Clintons. Wie konnte es
passieren, dass eine so etablierte Kandidatin, die noch im Dezember 2007 nahezu
unangefochten vor ihren Herausforderern lag, gegen einen schwarzen Politnovizen
mit einem unaussprechlichen Namen verlieren konnte? Es gibt drei wesentliche Gründe:
1) Botschaft
Clintons Chefstratege Mark Penn positionierte Hillary
Clinton zu Beginn der Kampagne als „Ready to Lead“. Hillary betonte ihre
politische Stärke, Erfahrenheit und Sachkenntnis, auch um Zweifel an einer
weiblichen (führungsschwachen) Kandidatin zu zerstreuen. Zudem deutete das „Ready
to Lead“ einen Gegensatz zu George W. Bushs Präsidentschaft an. Das Land gierte
nach verlässlicher Führung, nach guten (sachlichen) Lösungen, nach Kompetenz
statt Unfähigkeit, so die Einschätzung des Clinton-Teams.
Mit dieser Ausrichtung wählte die Kampagne allerdings das
falsche Spielfeld. Den Wählern ging es vorwiegend um Wandel, weniger um
Sachlichkeit und schnöde Kompetenz. So konnte sich Barack Obama den Mantel des wahren
Wandelpredigers überstreifen. Clinton bot ihm die Möglichkeit, das politische
Wort des Jahres („Change“) zu besetzen, u.a. durch ihre Weigerung, sich für die
Autorisierung des Irakkrieges zu entschuldigen. Später versuchte Hillary
krampfhaft, Obamas Botschaft zu kooptieren mit Slogans wie „Ready for Change“
oder „Yes, She Will“. Das wirkte unauthentisch, künstlich, reaktiv.
Ein weiterer Fehler Clintons war es, die Kandidatur als
Kampagne der Unvermeidlichkeit darzustellen. Zu Beginn rief sie voller
Selbstbewusstsein: „I Am In to Win!“. Das war nachvollziehbar, weil sie lange
Zeit unangefochten in den Meinungsumfragen vor ihren Herausforderern Barack
Obama und John Edwards führte. Clinton wollte mit dieser Art von Kampagne ihren
Gegnern die Luft zum Atmen nehmen, sie wollte der Parteielite ihre Dominanz
zeigen, ihren natürlichen Anspruch auf die Nominierung deutlich machen. Eine
solche Strategie funktionierte nur so lange, wie Hillary Clinton unverletzlich
erschien; sie musste aber in sich zusammenfallen, als sie erste Schwächen
während der TV-Debatten im Herbst und schließlich in den ländlichen Weiten
Iowas zeigte. Clintons Strategie der Unvermeidlichkeit ermöglichte es Barack
Obama erst, sich als populistisch-positiver Außenseiter zu etablieren, der
gegen den Status Quo in Washington antrat, gegen die alte Form, Politik zu
machen, gegen die Powerplays und Ränkespiele der Eliten, die die Menschen in
den USA so satt haben wie in anderen westlichen Staaten auch.
2) Kampagne
Hillary Clintons Team führte eine gute, solide,
professionelle Kampagne. Sie bezog neue Kommunikationsformen in ihren Wahlkampf
ein, allen voran das Internet. Wir erinnern uns an das Web-Video mit ihrem Mann
Bill, der nach Machart der Sopranos gedreht worden war. Das Problem: Clinton
nutzte das Internet nur punktuell, nur sporadisch. Während Barack Obama virtuos
mit dem Netz arbeitete, es zum natürlichen Bestandteil seiner
Kampagnenstrategie und –botschaft machte, sahen die Verantwortlichen der
Clinton-Kampagne es als nettes Zubrot zum traditionellen Medienwahlkampf an,
nicht aber als ein Meta-Medium, das ganz neue gesellschaftliche Tiefenwirkung
erzielen kann. Von dieser Tiefenwirkung profitierte Obama. Seine Kampagne
zeigte sich offen gegenüber innovativen Einflüssen aus der Netzwelt, sie nutzte
das Potenzial der interaktiven Kreativgemeinde, ohne je die Kontrolle über die
eigene Botschaft zu verlieren.
Auch das Fundraising der Clintons lief sehr traditionell ab.
Mit Terry McAuliffe hatte sich Hillary den „Mr. Money“ der Demokraten ins Boot
geholt. McAuliffe organisierte das Geldsammeln auf traditionelle, elitäre Weise,
so wie er es in den 1990er Jahren unter Bill Clinton gelernt hatte. Das Motto:
Kleine Geldspenden unter 200 Dollar sind schön, aber das große Geld treiben wir
bei den affluenten Spendern, bei den „Fat Cats“ ein. Die Strategie: große
Fundraising-Dinner, ein Quotensystem für sog. „Hillraiser“, private Treffen mit
Millionären in Hollywood und New York. Auch Barack Obama bat um Spenden und
Bündeldienste der besser Verdienenden, sein Hauptaugenmerk lag jedoch auf dem
Ausbau der Klein(st)spenderbasis. Das Resultat kann sich sehen lassen: Obama
schuf ein Netzwerk von über 1,5 Mio. Spendern, die im Schnitt 100 Dollar an die
Kampagne gaben. Diese Spenden kamen zu
90% über das Internet (und damit kostengünstig und schnell) herein.
3) Strategie
Im
Interview mit George Stephanopolous (ABC News) sagte Clinton kurz vor den
Caucuses in Iowa: „I´m in it for the long run. It´s not a very long run, it´ll
be over by February 5th”. Der große Fehler der
Clinton-Maschine war, nicht über den Super Tuesday hinaus geplant zu haben. Die
gesamte Strategie war darauf ausgerichtet, die Nominierung an diesem Tag zu
gewinnen, so wie es die demokratischen Kandidaten in den Jahren zuvor auch
gemacht hatten. Nach der Patt-Situation am 5. Februar stand Clintons Kampagne
nahezu ohne Geld und Organisation in denfolgenden Vorwahlstaaten dar. Obama
hatte hingegen klugerweise auf eine breite Organisation in allen 50
Bundesstaaten gesetzt, deshalb auch seine elf Siege in Folge in der Zeit vom
Super Tuesday bis zu den Vorwahlen in Wisconsin und Washington Mitte März.
In Vergessenheit geraten ist auch das Memo von
Vize-Kampagnenchef Mike Henry, das im Mai 2007 an die Presse gelangte. In
diesem Strategiepapier spekulierte Henry offen darüber, ob es sinnvoll sein würde
für Hillary Clinton, in Iowa Wahlkampf zu machen. Die Clintons hatten wenig
politische Unterstützer in diesem Staat, sie kannten sich mit der Organisation
des Iowa Caucus nicht gut genug aus. Im Nachhinein wäre es sicher besser
gewesen, Iowa zu skippen, um sich voll und ganz auf einen Sieg in New Hampshire
zu konzentrieren. So hätte sich Clinton 15 Mio. Dollar und einen unnötigen
Gesichtsverlust erspart, der den Anfang vom Ende ihrer Kampagne bedeutete.

Recent Comments