Von Maik Bohne
Amerikanisches Fernsehen zu schauen ist absolut grenzwertig. Auf CNN diskutierte irgendein Journalist gerade ernsthaft mit Experten darüber, ob man Obama einen Sozialisten nennen könne. Bei Bill O´Reilly auf Fox News ist diese Frage bereits positiv beschieden worden. Immerhin: Es ist Obama, der in diesen letzten Tagen vor der Wahl die Medienberichterstattung dominiert. Und das nicht nur, weil er in nahezu jeder Werbepause gefühlte drei Minuten via TV-Spots über den Bildschirm flimmert.
Obama liegt deutlich und stabil in Führung. Auch wenn McCain und die Republikanische Partei alles tun, um Zweifel an seiner Eignung als Commander-in-Chief zu hegen; auch wenn sie alles in Bewegung setzen, um ihn in die Nähe von Terroristen und illegalen Immigranten zu bringen; auch wenn bei den Demokraten wieder die Angst vor einer Last-Minute-Niederlage hoch kommt. Der Blick auf die Umfragen lässt keinen Zweifel zu: Barack Obama ist auf gutem Wege, der 44. Präsident der USA zu werden.
Meine erste und einzige persönliche Begegnung mit Barack Obama fand in Concord, New Hampshire, im schönen Indian Summer 2007 statt. Sein Auftritt vor einer kleinen Gruppe von 100 Menschen kam an. Die auffallend junge Masse tobte, die Schilder flatterten, Hände streckten sich dem Superstar entgegen. Dennoch wirkte Obama extrem müde und matt. Kein Wunder. Die Umfragen verhießen nichts Gutes drei Monate vor der ersten Vorwahl in Iowa. Hillary Clinton thronte siegesgewiss über dem restlichen Kandidatenfeld.
Alle möglichen Experten meldeten sich damals zu Wort. Sie empfahlen dem jungen Senator aus Illinois, seinen Positivwahlkampf zugunsten gezielter Attacken gegen die Ex-First-Lady aufzugeben. Nur Negatives bewege die Umfragezahlen, so die gängige Meinung der professionellen Beraterkaste. Der Kandidat gab sich der Versuchung nicht hin. Unbeirrt blieb er bei seiner übergeordneten Botschaft des Wandels und der Hoffnung, die ihm als sicheres, konstantes Fundament für einen außergewöhnlichen Wahlkampf diente, der nun mit dem größten Preis im politischen Geschäft des Landes gekrönt werden kann.
Es ist bemerkenswert, mit wie viel Chuzpe und Selbstgewissheit dieser 47-jährige Politnovize bisher agiert hat. Kein Kandidat seit Ronald Reagan ist so teflonartig aufgetreten. An Obama schien alles abzuprallen, was ihm an Dreck und Gerüchten entgegen geschmissen worden ist. Schlichte Zungen behaupten, dass es allein sein gutes Aussehen, sein Lächeln, sein irrationales Starimage, seine blumige Sprache gewesen sind, die den Menschen – und insbesondere der liberalen Medienelite - die politischen Sinne vernebelt haben.
Barack Obama ist aber weit mehr als nettes Charisma und schöne Rhetorik. Ich halte ihn für den talentiertesten Politiker unserer Generation, weil er auf eine fast schon überperfekte Weise die besten Eigenschaften eines Staatesmannes in sich vereint. Er ist entscheidungsfreudig, aber offen für Beratung. Er ist intellektuell, beherrscht aber die einfache, integrative, populistische Sprache. Er ist eine Führungspersönlichkeit ohne Hang zur Selbstüberschätzung. In Zeiten der Krise bleibt er ruhig und gelassen, ohne inaktiv oder entrückt zu wirken.
Gerade die Reaktionen während der Finanzkrise zeigten, was wir von Obama im Präsidentenamt erwarten können. Selbstbewusst verwehrte er sich gegen den blinden Aktionismus eines John McCain, der seinen Wahlkampf prominent aussetzte, nur um zu merken, dass er die Verhandlungen über den Rettungsplan zwischen Kongress und Weißem Haus nicht einen Deut beeinflussen konnte. Unaufgeregt war Obama auch bei der Wahl seines Vizepräsidentschaftskandidaten. Er setzte auf einen erfahrenen Politiker mit Sachkompetenz. Eine politische Peinlichkeit wie Sarah Palin wäre ihm niemals unter gekommen, auch wenn sie noch so viel schillerndes Heartland mit in die Kampagne gebracht hätte. Kurzum: Der junge Barack Obama zeigte Führungsqualitäten, während der alte Haudegen McCain erratisch wirkte.
Ebenso wichtig ist jedoch das Programm, mit dem Obama in das Weiße Haus einzieht. Auch wenn er – teilweise zu Recht – für seine unspezifische Rhetorik gerügt worden ist, so kann doch niemand ernsthaft behaupten, er habe inhaltlich nichts vorzuweisen. Kaum ein Präsidentschaftskandidat in der Geschichte der USA hat ein solch ausgefeiltes Programm vorgelegt. Ein Programm, das ökonomische Vernunft betont, aber auch den gezielten Konflikt mit dem abgewirtschafteten konservativen Dogma des „Weniger Staat = bessere Wirtschaftsentwicklung = mehr Freiheit und Wohlergehen“ eingeht.
Steuern für Reiche rauf; Steuern für die Mittelschicht runter; Krankenversicherung bezahlbarer machen; Emissionshandel zugunsten des Klimaschutzes schaffen; Energie sparen; Truppen aus dem Irak abziehen; Hauptaugenmerk auf Afghanistan richten; Diplomatie und internationale Kooperation stärken. Das sind die Kernpunkte seines Programms, für das die mitte-rechts gelagerte Gesellschaft in den USA erstaunlich empfänglich geworden ist.
Natürlich: Ein schönes Wahlprogramm ist das eine, die politische Realität das andere. Nüchtern betrachtet ist der Spielraum für Wandel in Zeiten einer substantiellen Wirtschaftskrise und eines überbordenden Haushaltsdefizits extrem gering. Auch braucht Barack Obama dringend eine Prioritätenliste für seine erste Amtszeit, denn mehr als zwei große Reformvorhaben wird ihm auch eine große - aber fragmentierte - demokratische Mehrheit im Kongress nicht zugestehen.
Dennoch hat ein Präsident Obama das Potenzial, zum Hoffnungsträger einer ganzen Generation zu werden. Regiert er inklusiv und transparent, smart und unaufgeregt, idealistisch und realistisch, mit gutem Personal und positiver Rhetorik, dann kann er ohne Zweifel ein zweiter FDR werden. Barack Obama betont immer wieder, dass es ihm um eine neue Sichtweise auf Regierungshandeln in den USA geht. Er will weg von den alten Debatten über zu viel oder zu wenig government. Er möchte ganz einfach intelligent regieren. Das fehlte den USA allzu oft in den vergangenen acht Jahren. Deshalb: GO BARACK OBAMA!
Jetzt im Buchhandel: Kerstin Plehwe/ Maik Bohne: Von der Botschaft zur Bewegung. Die 10 Erfolgsstrategien des Barack Obama. Hanseatic Lighthouse. Hamburg. 2008
Comments