Eine mentale Reise durch unser Land:
Ich mag Deutschland – nicht immer,
aber meistens. Manchmal könnte es etwas wärmer sein im Sommer. Manchmal könnte
mehr Schnee fallen im Winter. Einkaufszentren nerven, Franz Beckenbauer auch.
Berliner sind unfreundlich, Schwaben geizig, Norddeutsche kühl, Bayern
bierselig. Aber im Grunde mag ich Deutschland. Der ICE fährt von Berlin nach
Düsseldorf und braucht dafür nur vier Stunden. Das funktioniert nicht immer.
Aber mir gefällt, dass es möglich ist.
Aber wer und was ist Deutschland?
Bin ich es, bist Du es, sind wir es, ist es womöglich Johannes B. Kerner? Diese
Gedanken gehen mir gelegentlich durch den Kopf, wenn ich in Deutschland
unterwegs bin.
Deutschland ist für mich ein Land
der Widersprüche, ein Zerrbild, es herrscht die Gleichzeitigkeit des Komplexen.
In Deutschland heißen alte Menschen Hans und Waltraud, junge Menschen heißen
Luca und Estelle. Manche heißen Ringo und Mandy, andere Maximilian und Sophie.
Deutschland ist sicher. Hier kann ich mich aus Versehen verfahren, ohne Angst
zu haben, dass mir etwas passiert. In Deutschland gibt es No-Go-Areas und
Rentner, die vor laufender Überwachungskamera niedergestreckt werden.
Deutsche sind Meister des
Erinnerns, sie sind kritisch, vergessen nicht das Unbegreifliche. Junge wütende
Männer ohne Perspektive jagen in Deutschland Ausländer durch die Straßen. In
Deutschland gibt es Menschen, deren Eltern sich beim Tanzen auf der Kirmes
kennen gelernt haben. Es gibt hier Menschen, deren Eltern nicht mehr leben, weil sie
in Bosnien oder Ruanda ethnisch gesäubert wurden.
Deutschland ist reich. Es wird viel
geschafft, verdient, vererbt und ausgegeben. Deutschland ist arm, es hat
Unterschichten, Kinder verhungern in verwahrlosten Wohnungen, Menschen arbeiten
für 3,50 Euro die Stunde.
Deutschland ist wiedervereint und
offen. Deutschland ist das Herz Europas, im Mittelpunkt zwischen Portugal und
Russland. Hier ist die Welt zu Gast bei Freunden. Viele Deutsche möchten die
Mauer wieder haben; es war doch alles so gemütlich früher, als gut und böse
noch durch Eiserne Vorhänge getrennt waren. Mauern bauen Deutsche auch um sich
selbst. Deutschland ist das Land der Zurückhaltung. Menschen sind so unzugänglich,
mentale Ich-AGs.
Deutschland ist liberal. Paragraph
218 ist hier kein Thema, Religion ist im Lutherschen Sinn Privatsache. Es gibt
die Love Parade, den Christopher Street Day, Meinungsfreiheit, FKK, junge Punks
und alte 68er. Deutschland ist das Land der Spießer. Hier gibt es Nachbarstreits, Kuckucksuhren, Putzpläne in Wohnhäusern, Sprachpolizisten
á la Bastian Sick, Berliner Ökoschwaben und vermuffte Kleingärtner.
Deutschland hat Leitmedien, die
Bürgern ZEIT zum Nachdenken geben, ihnen den SPIEGEL vorhalten und für sie auf
den TAG zurückSCHAUEN. Deutschland ist massenmedial immer im BILD. Hier wird
ge-kernert, ge-knoppt und ge-beckmannt, hier suchen Bauern ihre Frauen und
andere per SMS Bohlens Superstar.
Deutsche haben Prinzipien. Öko ist
wichtig, Kampf gegen den Klimawandel auch. Außenpolitik wird bestimmt vom
Nie-Wieder und Niemals-Mehr-Allein. Soziale Marktwirtschaft ist unantastbar. Deutschland ist unideologisch.
Bürger ohne politische Eigenschaften. Politiker besetzen immer neue Mitten anstatt Profil
zu zeigen und Richtungen vorzugeben. Die Koalitionen hier sind groß, die
politische Reibung ist klein.
Trotz allem: Ich liebe dieses Land der Widersprüche!
und ich finde die Art wie du schreibst super, bin heute zum ersten mal auf deine/ eure seite gestossen
Posted by: christine | March 18, 2009 at 11:01 AM